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Apfelblüte im Land der gesalzenen Butter

Wer einen Job sucht, der ist in Dänemark genau richtig. Die Wirtschaft boomt, das kleine Königreich im Norden braucht dringend Fachkräfte, um die ganze Arbeit zu bewältigen. Doch was erleben Menschen, die Dänemark zu ihrer neuen Heimat machen?

Autor: Nicola Kuhrt
Aktualisiert: Dezember 2014
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Familie mit Kind vor Apflebäumen

Familie Seyfried in ihrer Apfelplantage

Hinter dem Haus stehen Apfelbäume in voller Blüte. Im Garten leuchten die weißen Knospen einer Magnolie. Der Himmel ist blau, es weht nur ein leichter Wind. „Man könnte meinen, wir sind im Paradies gelandet“, sagt Eduard Seyfried. Seit sechs Wochen lebt der gelernte Obstbaumeister vom Bodensee mit seiner Frau Monika und Tochter Isabell auf Fejø, einer kleinen Insel vor Lolland. Den heimischen Betrieb hat er verpachtet. Ein, vielleicht zwei Jahre wollen die Seyfrieds es in Dänemark probieren. Hier gilt es, eine Obstbau-Versuchsstation zu bestellen. 20 Hektar, „das ist ordentlich“, sagt Seyfried. Der 45-Jährige mit den strahlend blauen Augen wurde mit offenen Armen empfangen. Bis 2009 soll die Obst-Produktion auf der Insel komplett auf ökologischen Anbau umgestellt und anerkannt sein, der Deutsche kennt sich da aus.

Zuhause, sagt Seyfried, lief es zuletzt nicht so gut. Immer wieder hatte Hagel die Ernte zerstört. Was sein Hof abwarf, wurde direkt wieder in die Ertragssicherung gesteckt. Auch Zeit für die Familie hatte er kaum noch, Tochter Isabell ist sechs Jahre alt. Die Entscheidung, den Job im Ausland anzunehmen, sei ihm nicht schwer gefallen. Die Organisation der Fejø-Versuchsplantage hat sich um alles gekümmert, Papiere beschafft, Behördengänge begleitet, einen Dolmetscher gestellt. Innerhalb von drei Monaten war der Wechsel geschafft, die Familie nach Dänemark ausgewandert.

Immer mehr Deutsche leben in Dänemark, und das kleine Königreich ist froh um jeden, den es gewinnen kann. Denn eigentlich läuft alles gut: Die Wirtschaft boomt, die Staatsschulden sind abbezahlt, die Arbeitslosenquote liegt bei 3,8 Prozent. Eine radikale Arbeitsmarkt-Reform Mitte der 90er-Jahre sorgte für die nötige Flexibilisierung. Der Kündigungsschutz wurde gelockert, Tarifverträge durch individuelle Regelungen ausgetauscht, die Arbeitsvermittlung dezentralisiert und privatisiert. „Hire and fire“ auf Skandinavisch. Das Konzept, das in den folgenden Jahren noch ein wenig verändert wurde, blieb in den Eckpunkten bis heute bestehen. Die Dänen kommen gut damit zurecht. Sie wechseln im Schnitt alle vier Jahre den Job, Angst vor der Zukunft hat kaum jemand.

Wohnhaus der Familie Seyfried auf der Insel Fejö

Die neue Heimat der Familie auf der Insel Fejø

Das Ausland guckt neidisch in den Norden – doch hier hat man längst neue Probleme: nicht die Arbeitslosigkeit, sondern der Fachkräftemangel bremst die Wirtschaft. Der Dänische Industrieverband schätzt, dass dem Land auf diesem Weg jährlich rund drei Milliarden Euro verloren gehen. Um dem zu begegnen, wurde bereits das Rentenalter von 65 auf 67 erhöht, außerdem wurden Anreize geschaffen, eine Ausbildung früher zu beginnen und schneller wieder zu beenden.

Gern werden auch europäische Nachbarn eingestellt, besonders in der Grenzregion gibt es mittlerweile viele Pendler, die in Deutschland wohnen und morgens eben nach Dänemark fahren. Polnische Lkw-Fahrer und deutsche Handwerker gehören längst zum dänischen Alltag hinzu. Aber es reicht immer noch nicht: Mittlerweile laden dänische Konzerne deutsche Arbeitslose zu Informationstagen ein – und Hunderte kommen. Die Firmen schicken sogar kostenlose Pendelbusse bis nach Flensburg oder Kiel.

Dass es dennoch mit dem Nachschub an qualifizierten Mitarbeitern nicht so klappt, wie vielleicht erhofft, sei vorrangig Schuld der Ausländerpolitik, glauben nicht wenige Dänen. Diese werde zwar öffentlich für Integration, hinter vorgehaltener Hand aber werden Klischees gegen Ausländer, insbesondere Moslems gepflegt. Tatsächlich verlassen derzeit mehr Menschen das Land, als einreisen.

Seit der Debatte um die Moslem-Karikaturen macht sich langsam ein geändertes Bewusstsein in den Köpfen der Menschen breit. „Aus Berührungsangst und Unsicherheit tun sich viele Unternehmen schwer, ausländische Mitarbeiter einzustellen“, sagt Sune Skadegard Torsen in einem Interview der Zeitschrift Nordis. Er berät weltweit Firmen, Mitarbeiter unterschiedlicher Kulturen einzustellen und in den geregelten Ablauf einzubauen. „In Finnland, Schweden und Norwegen gibt es Strategien, so viele Zuwanderer wie möglich zu gewinnen. Davon sind wir nicht nur weit entfernt – hier in Dänemark betreiben wir eine Politik, die Rassismus nährt.“ Er glaubt, dass qualifizierte Arbeitskräfte daher schnell wieder flüchten würden – schlecht für Dänemark.

Dänische biuuter in Pergamentpapier

Nicht nur die Butter ist anders in Dänemark

Annette Wirsing kann das nicht bestätigen. Sie hat sehr viele positive Erfahrungen mit ihrer neuen Heimat gemacht. Seit knapp zwei Jahren lebt die Deutsche mit ihrem Freund in Dänemark, und das nicht nur wegen eines Stipendiums für ihre Dissertation. Es war auch die Sehnsucht nach einer aufgeschlossenen Lebensweise, wie sie sie bereits während ihrer Studienzeit in Finnland kennen gelernt hat, die sie erneut nach Skandinavien gelockt hat. Spezialisiert auf nordische Sprachen betreibt sie in Odense ein Sprachübersetzungsbüro, außerdem macht sie ihren Doktor an der Universität Süddänemark. „In Dänemark ist alles sehr viel stressfreier“, sagt sie. Nicht nur weniger Druck, auch eine grundsätzlich offenere Haltung gegenüber anderen Menschen hat die Deutsche in ihrer neuen Heimat erfahren. Die dänische Sprache ist dabei selbst für die sprachbegabte Übersetzerin eine Herausforderung. Schreiben und lesen sei kein Problem, „aber die Aussprache ist nicht so einfach“, sagt sie.

Das können die Seyfrieds nur bestätigen, sie sind nach Fejø gekommen, ohne auch nur ein Wort Dänisch zu können. „Die Verständigung klappt aber immer auch so“, berichtet Seyfried. Sein Zuhause vermisse er nicht so sehr, nur das schöne Alpenpanorama, das fehlt ihm schon. „Und immer diese gesalzene Butter, das ist schon gewöhnungsbedürftig.“ Aber das seien natürlich nur Kleinigkeiten. Viel wichtiger sei, dass Tochter Isabell nun in eine Schule gehen kann, in der nur noch drei weitere Mädchen in der Gruppe sind – und nicht dreißig wie in Deutschland. Nächste Woche beginnen Seyfrieds einen Sprachkurs. „Dann ist alles perfekt.“

Autor: Nicola Kuhrt
Aktualisiert: Dezember 2014
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Infos der Bundesanstalt für Arbeit

Auch die Bundesanstalt für Arbeit stellt unter www.ba-auslandsvermittlung.de Erstinformationen über Arbeits- und Bildungsmärkte (Ausbildung, Studium, Jobs & Praktika, Arbeiten und Weiterbildung) zur Verfügung. Daneben gibt es eine Europa- und Auslands-Hotline.

Montags bis freitags erreicht man das ZAV-Infocenter unter der Rufnummer 0228 713 1313. Fragen zur Aufnahme einer Beschäftigung im Ausland und den Dienstleistungsangeboten der Bundesagentur für Arbeit gestellt werden.

Per E-Mail erreichen Sie das Hotline-Team unter Infohotline-Ausland@arbeitsagentur.de.

Broschüren zum Thema können unter www.ba-bestellservice.de angefordert werden.